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26
Okt

Der Reformator Osiander: ein ungelehrter Wäscherer?

Veröffentlicht von am in Themenführung mit der Stadtpomeranze!
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Als ich diese Woche in der Lorenzkirche war, um ein bisschen in die kirchliche Kunst einzutauchen, da hab ....

ich ihn entdeckt: Andreas Osiander, diesen wichtigen Mann der Reformation.

Sie, mein lieber Blogleser und ich, wir haben im Moment nämlich die Möglichkeit, ihn von der Kanzel "herunterpredigen" zu sehen. Denn anlässlich des großen Jubiläumsjahres zur Reformation hat man sein Portrait aus der Sakristei geholt und öffentlich zugänglich gemacht.

Doch wer war dieser sympathisch wirkende Mann, der ganz unserem heutigen hippen Zeitgeschmack entsprechend Bart und cooles Käppi trägt? Auch wenn er so modern aussieht: gelebt hat er doch tatsächlich vor 500 Jahren.

Geboren wurde Osiander 1498 in Gunzenhausen, hatte in Ingolstadt studiert und war 1520 nach Nürnberg gekommen, um im Augustinerkloster Hebräisch zu lehren. Dort kommt er mit den Gedanken der Reformation in Berührung, mit diesen kritischen Stimmen gegenüber der katholischen Kirche. Man warf dem Klerus zu Recht Gier nach Macht und Besitz, Zuchtlosigkeit und Vernachlässigung der Seelsorge vor. 

Üblich für die Menschen der damaligen Zeit war auch eine große Beschäftigung mit dem Jenseits: wenn das diesseitige Leben mit Armut und Krankheit so schrecklich war, dachte man, könne es im Jenseits ja nur schöner sein. Und man tat alles dafür, um sich das Fegefeuer zu verkürzen, indem man zum Beispiel teure Ablässe kaufte.

Genau diesen Nerv der Zeit traf Luther mit seinen Ideen, denn er griff den Sonderstatus des Klerus an und er stellte alle Getauften Gott gegenüber gleich.

Nun zu Lorenzkirche: Nachdem der Rat der Stadt Nürnberg sich peu à peu die Rechte sowohl vom Papst als auch vom Bamberger Bischof erkauft hatte, die Predigerstellen in der Kirche zu besetzen, konnte der Rat nun die von ihm gewünschten Prediger einsetzen und damit auch entscheiden, welches Wort von der Kanzel gepredigt werden sollte. Zeitweise predigten sage und schreibe 36 Priester in der Lorenzkirche.

1522 beruft nun der Rat der Stadt den Theologen Andreas Osiander zum Prediger von St. Lorenz. Osiander muss eine große Redegewandtheit besessen haben, denn die Menschen kamen von weit her ... auch vom Land ..... oft zu Fuß .... um seinen mitreißenden Worten zu lauschen. Wahrlich also ein cooler Mann. Was er anscheinend auch selbst fand! Denn er selbst meinte: "dass es in Deutschland nicht einmal 10 Gelehrte gäbe, die ihm das Wasser reichen könnten." Und deshalb stellte Osiander 4 Mal exorbitante Gehaltsforderungen .... die ihm von der Stadt auch erfüllt wurden. Und so wundert es einen nicht, dass er von seinen Gegnern "Papst von St. Lorenz" genannt wurde.

Osiander verfasste nicht nur die einflussreiche Kirchenordnung von 1533, die sehr wichtig war, da infolge der Reformation ja ein rechtsfreier Zustand entstanden war. Er veröffentlichte sogar ein Judenbüchlein im Jahr 1540, in dem er sich für die Rechte der Juden und gegen ihre Diskriminierung einsetzte. Der Titel lautete: "Ob es wahr und glaubhaft sei, dass die Juden der Christen Kinder heimlich erwürgen und ihr Blut verwenden". Auch wenn der Prediger dieses Büchlein anonym herausgab, so war es schon seinen Zeitgenossen klar, dass kein anderer als Andreas Osiander der Autor sein konnte.

Bis in das Jahr 1893 jedoch wusste die Forschungswelt lediglich, dass dieses Büchlein einmal existiert hatte, aber es war in so geringer Stückzahl erschienen, dass keine renommierte Bibliothek ein Exemplar dieser wichtigen Lehrmeinung sein Eigen nennen konnte. Man wusste lediglich von der Existenz, da der katholische Theologe Johann Eck es aufs Schärfste schriftlich kritisiert hatte und deswegen Andreas Osiander als "ungelehrter Wäscherer" und "Blöderer" bezeichnet hatte.

Bis, ja, bis im Jahre 1893 ein Exemplar in einem Hamburger Antiquariat ganz zufällig entdeckt wurde.

Stellen Sie sich doch, mein lieber Blogleser, mit mir folgendes Szenario vor ... auch wenn es nur meiner Phantasie entspringt: es ist ein windiger und regnerischer Tag in Hamburg im Jahr 1893. Herr Anonymus war mit seinem ihm angetrauten Eheweibe in die Innenstadt mit der Kutsche gefahren, um sie beim Kauf eines neuen Federnhutes zu begleiten.... doch die Auswahl eines solchen Kopfputzes kann eine äußerst langwierige Angelegenheit sein ... und so beschloss Herr Anonymus doch mal kurz in das Antiquariat nebenan zu schlendern und ein bisschen zu stöbern ...  und siehe da, im Regal ganz oben, ein bisschen nach hinten verschoben und von Staub bedeckt ... entdeckte Herr Anonymus dieses verschollene, sensationelle Schätzchen. Also ich zumindest fände es sehr romantisch, wenn es sich ganz genauso zugetragen hätte. Küssend

Adieu, mein lieber Blogleser, bis zum nächsten Mal. Vielleicht erzähle ich Ihnen dann vom Kirchenschlaf und was der Totengräber damit zu tun hat. Möchten Sie gerne?

 

 

 

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Die Kunst, die Stadtpomeranze zu sein: Kunsthistorikerin. Bloggerin. Spitze Feder. Schwarzer Strich. Fränkin. Original. Sommer. Wie Winter. Qualitätsfanatikerin. Romantikerin. Kostümiertes Schauspiel. Nackte Tatsache. Weltoffen. Bodenständig. Beruf. Berufung. Always on the run. Im Augenblick versunken.


Gästeführerin der Stadt Nürnberg. Museumspädagogin am KPZ (Kunst- und Kulturpädagogisches Zentrum der Museen in Nürnberg). Mitglied im Bundesverband der Gästeführer Deutschlands (BVGD). Mitglied des Vereins "Die Stadtführer e.V."

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Gast Freitag, 20 April 2018