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06
Sep

Die Nürnberger Madonna: eine Muslima oder das künftige "Mitbringsel"?

Veröffentlicht von am in Vernissage
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Soll ich oder soll ich nicht? ....

... das habe ich mich gefragt. Soll ich der Einladung des Germanischen Nationalmuseums folgen und den Festakt, also die Vernissage zu der Skulpturen-Installation von Ottmar Hörl "Die Nürnberger Madonna" besuchen? Ich war mir gar nicht sicher, denn ein serielles Abbilden von alter Kunst .... wo steckt da das künstlerische Ingenium?

Jetzt fragen Sie sich vielleicht: Hä, liebe Stadtpomeranze, von was sprechen Sie denn da? Ich spreche von der Nürnberger Madonna, die um 1510 von einem Künstler geschaffen wurde, der trotz intensiver Forschung namentlich nicht entdeckt werden konnte. Sie ist fast 148 cm groß und aus Lindenholz geschnitzt. Als Mater Dolorosa, also Schmerzensmutter hat sie den Blick erhoben ... denn sie war einst Teil einer dreiteiligen Kreuzigungsgruppe für die Nürnberger Dominikanerkirche... , ihre Gewänder umfließen im reichen Faltenspiel elegant ihren Körper und auf dem Kopf trägt sie eine Haube. Das Besondere an ihr ist ihr zartes Gesichtlein, ihr proportional überschlanker Körper und die Handhaltung, die dem Betrachter gleich traurig mitfühlen lässt, denn in einer händeringenden Pose sind die Arme erhoben.

Diese elegante Skulptur mit ihrer emotionalen Pose wurde im 19. Jahrhundert zum Star, denn sie entsprach dem damaligen Zeitgeschmack. Als "weltberühmt", "das beste Kunstwerk des Mittelalters" und als erstrebenswertes Modell für angehende Künstler wurde sie deshalb über Nürnberg hinaus bekannt und oft in Kopien ins schöne Heim gestellt. Heute ist sie wenig bekannt, auch wenn sie im Germanischen Nationalmuseum gleich neben Albrecht Dürers Gemälde seiner Mutter zur Aufstellung gekommen ist.

Bei der Eröffnung nun, die von Musik auf historischen Instrumenten bereichert wurde, hatte sich Professor Großmann, der Generaldirektor, gefreut, dass nun endlich auch wieder einmal eine Skulptur in den Mittelpunkt gerückt werde.

Ich war nun neugierig, was der Künstler Ottmar Hörl zu sagen hatte, denn die Nürnberger Madonna ist ja nicht der erste Abguss eines bekannten Objektes, das er in Serie darstellte.

Ob nun 2003 die Installation "das große Rasenstück" mit 7000 Dürer Hasen aus Plastik auf dem Hauptmarkt, oder im Jahr 2004 das Projekt "Eulen nach Athen tragen" mit 10 000 Eulen in Athen, oder 2010 800 Lutherfiguren in Wittenberg,  ob massenhafte Kaspar Hauser, Karl der Große oder sogar viel kritisierte Nazi Zwerge ("Dance with the Devil") .... Ottmar Hörl hört nicht auf, Werke in massenhafter Serie herzustellen.

Ist das Kunst? Er selbst meint bei seiner Rede, dass er gerne in den Außenraum gehe: "Weil in der Galerie alles Kunst sein kann" ... oh ich muss schmunzeln, denn in meinem Kopf passiert ein lustiges Kopfkino: die Putzfrau, die versehentlich ihren Wischeimer mit Putzlappen stehen lässt ... anbetungswürdige Kunst? Sind wir so beeinflussbar?

Bedeutet das, dass wir keine eigene Meinung mehr haben, sobald wir die "Tempel der Kunst", die Galerien betreten, bestimmt etwa der Aufbewahrungsort darüber, dass ein Gegenstand zur Kunst wird?  Huch! Mir wird schwindelig und schnell lausche ich wieder Professor Hörls Worten. Ja, Ottmar Hörl ist nicht nur Konzeptkünstler und Bildhauer sondern auch Professor an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg und für ihn ist Kunst ein endloses Experiment. Er mag es, ein umstrittener Künstler zu sein und das ist er auch, denn nicht jeder befindet die serielle Herstellung eines bekannten Vorbildes als Kunst. Warum er es mag, umstritten zu sein? Weil, so meint er: "ein umstrittener Künstler ist immer im Gespräch". Was ja auch durchaus verkaufsfördernd sein kann.

Hörl möchte uns mit seinen Serien einen Spiegel vorhalten. Wenn er die Straßenbahn betritt, so meint er, sieht er nur noch Menschen, die in Serie mit einer bestimmten Handhaltung und ein und dem selben Gegenstand vor Augen in der Bahn sitzen. "Unser gesellschaftliches Modell ist die Serie, nicht das Original", meint Hörl. Oweia, hat er etwa recht? Der Gedanke ist gar nicht schön. Dass man mit diesem Spiegel auch Geld verdienen kann, wird deutlich, als Hörl dafür wirbt, doch eine Nürnberger Madonna in Gold mit nach Hause zu nehmen.

"Durch die serielle Herstellung wird man als Künstler bescheidener", sagt Hörl und erzählt humorvoll, dass er sich durchaus bewusst ist, dass die Tante Erna, wenn sie denn die Verwandtschaft oder Freunde in der Ferne besucht, gerne mal den Plastik Dürer Hasen als Gastgeschenk mitbringt. Ist ja auch mal etwas anderes als immer nur Blumen oder der obligatorische Wein. Dass die Gastgeber sich auch gar nicht immer freuen über so ein "Mitbringsel", das weiß er auch, sagt der Künstler, aber vielleicht die Kinder oder Kindeskinder und so kann Ottmar Hörl mit Stolz und mit Fug und mit Recht behaupten: "Mein Dürer Hase ist überall auf der Welt zu finden!"

Schließlich werde ich doch noch von Hörls Serie beeindruckt, ja nicht nur, weil diese Reihung am Kornmarkt vor dem altehrwürdigen Germanischen Nationalmuseum mit den gereihten Bäumen als weiteres Gestaltungselement wirklich schön anzusehen ist, sondern auch, weil Hörl von einer Begebenheit während des Aufbaus erzählt: während er also mit seinen Helfern die goldenen Madonnen aufreiht, sei eine Gruppe Jugendlicher gekommen, die stehen blieben und wild zu diskutieren begannen. Wer denn da dargestellt sei, wurde leidenschaftlich diskutiert. Das gemeinsame Résumé: eine Muslima, ganz klar, weil sie doch ein Kopftuch trägt.        

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Beeindruckt bin ich nun deshalb, weil er mit seiner Installation tatsächlich mehr erreicht als nur eine Bühne für künftige Mitbringsel zu schaffen, nämlich auch und hoffentlich vor allem, dass Menschen ins Gespräch kommen über sein Werk und es zu deuten versuchen mit den heutigen gesellschaftlichen Modellen, Ansichten und Werten. Und wenn es dann auch noch junge Menschen sind, die von der Installation gefangen genommen werden und sich Gedanken machen: das finde ich dann doch arg schön !

Ach, darüber werde ich beim nächsten Straßenbahnfahren mal noch ein bisschen intensiver nachdenken ..... sollte ich nicht wichtiges auf Twitter posten wollen. Küssend

 

(By the way: bitte beachten Sie, lieber Blogleser, den coolen Skater auf meinem Titelbild)

 

 

  

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Die Kunst, die Stadtpomeranze zu sein: Kunsthistorikerin. Bloggerin. Spitze Feder. Schwarzer Strich. Fränkin. Original. Sommer. Wie Winter. Qualitätsfanatikerin. Romantikerin. Kostümiertes Schauspiel. Nackte Tatsache. Weltoffen. Bodenständig. Beruf. Berufung. Always on the run. Im Augenblick versunken.


Gästeführerin der Stadt Nürnberg. Museumspädagogin am KPZ (Kunst- und Kulturpädagogisches Zentrum der Museen in Nürnberg). Mitglied im Bundesverband der Gästeführer Deutschlands (BVGD). Mitglied des Vereins "Die Stadtführer e.V."

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Gast Freitag, 20 April 2018